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Die „Feuerwehrzulassung“

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Kennt Ihr die Sitte, bei Feuerwehrhochzeiten weiße Bänder an die Antennen der Einsatzfahrzeuge zu knoten? Ich finde, dass das extrem gefährlich ist.
Schließlich ist das Band nicht vom Hersteller des Fahrzeuges als verträgliches Zubehör aufgelistet worden, deshalb muss mit dem Anbringen dieses Teiles doch die Zulassung des Fahrzeuges erlöschen und wenn es dann im Einsatzfall zu einem Unfall kommt, sind alle, die darin sitzen nicht versichert.
Jeder normale Mensch würde eine solche Aussage zielstrebig als das erkennen, was es ist: Blödsinn.
Ich bin mir trotzdem absolut sicher, dass ich der einen oder anderen sicherheitsbewussten Feuerwehr mit dieser wirren Argumentation echte Seelennöte verursachen kann.
Deutsche Feuerwehren – einschließlich deren Führungskräfte, Sicherheitsbeauftragte, Gerätewarte und so weiter versuchen nach wie vor einfach nur, alles richtig zu machen. Oft geht das aber schief.
Typische Stilblüten dieses irregeleiteten Bemühens sind dann solche:

  • „Du darfst keinen Holzkeil am Helm tragen, sonst verliert der seine Zulassung!“
  • „Man darf kein Holster oder (noch irrsinniger) keinen Bewegungslosmelder am PA befestigen, sonst verliert dieser seine Zulassung!“
  • „Mit dem umgehängten Leinenbeutel verliert die Einsatzjacke ihre Zulassung, weil sie in der Normprüfung nicht auf diese Brandlast getestet wurde!“

Soviel als Einleitung. Der Text stammt von meinem Ex-Kommilitonen Josef Mäschle, der in ganz unterhaltsamer Art ein Problem beschreibt, welchem auch ich in meiner aktiven Feuerwehrzeit viel zu oft begegnet bin. Diskussion ist ausdrücklich erwünscht! Grüße Stefan Jurgahn

Wo kommen solche merkwürdigen Aussagen überhaupt her?

Solche Aussagen in deutschen Feuerwehrkreisen entstehen aus meiner Sicht aus zwei verschiedenen Problemen im deutschen Feuerwehrwesen:

  • Es existieren zu viele selbst ernannte Sicherheitsexperten, die nicht erklären und beraten, sondern gefährliches Halbwissen nachplappern und dadurch verunsichern.
  • Es gibt zu viele Führungskräfte, die es sich nicht trauen, den Herstellern von Feuerwehrprodukten zu sagen, dass sie Produkte ohne feuerwehrtaugliche Eigenschaften besser jemandem anders verkaufen sollten.

Ein kurzer Exkurs zum Thema Halbwissen

Sind Euch in Eurer Feuerwehrlaufbahn in den letzten Jahren Feuerwehrleute begegnet, die folgendes ausbilden und fordern (nicht abschließende Aufzählung)?
Den Feuerwehr-Brustbund, Notabseilen mit der Feuerwehrleine bei Raumdurchzündung, Leiter / Drehleitersteigen zur Ausbildung nur angeleint, Feuerwehrlampen müssen immer ex-geschützt sein, Triage beim MANV darf nur der Arzt, 3 Sprossen Überstand zum Einsteigen in das Fenster, Schutzbrillen am Helm sind verboten (Zulassung erlischt 😉 ), Griffbandagen an Werkzeugen sind verboten (der ganze Planet kann dadurch explodieren), der Feuerwehrhaltegurt ist bei jedem Einsatz einschließlich Feldbrand zu tragen, Kappmesser in der Einsatzkleidung sind verboten, weil das ja Waffen sind, Bergsteigerkarabiner sind verboten, weil sie keiner Feuerwehrnorm entsprechen.

Nun, dann habt auch Ihr schon typische Vertreter der Gattung der feuerwehrtechnisch Ewiggestrigen kennen und lieben gelernt: Manchmal lassen sie sich mit entsprechendem Zeitaufwand, Geduld und rationalen Argumenten wieder einfangen, allzu oft leider nicht. Wenn es mir zu blöd ist, solcherlei zu diskutieren, wende ich üblicherweise die Beweislastumkehr an: „Zeig mir bitte mal schwarz auf weiß, wo in einem für mich verbindlichen Regelwerk steht, dass das, was ich mache, falsch ist und das, was Du machst, richtig ist.“
Spätestens an diesem Punkt solltet ihr Euch allerdings auf einiges gefasst machen:
Ich erinnere mich immer noch, wie mir ein Kollege mal als Beleg für eine angeblich verbindliche Vorschrift im Atemschutz das rote Atemschutz-Heftchen eines gewissen Verlages zeigte. Als ich dann nach zwei Minuten vor Lachen wieder Luft bekam und ich ihm erklärte, dass ein Fachverlag, auch wenn er seine Veröffentlichungen in rote Einbände kleidet, überhaupt nichts Vorschriftenrelevantes für Feuerwehrdeutschland zu sagen hat, brach für ihn erstmal eine Welt zusammen. Armer Kerl.

Was sollte ich als Hersteller besser nicht über mein Produkt sagen?

Hersteller von Feuerwehrprodukten müssen humorvolle Menschen sein. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass jemand zum Beispiel ernsthaft verkündet, dass ein für den Feuerwehreinsatz konzipiertes Atemschutzgerät kaputt sein könnte, wenn es Temperaturen von über 60° Celsius aushalten muss – auch wenn es so in der Norm stehen mag.
Ebenso kann ich es mir nicht erklären, dass eine Firma mit einem Produktfoto für ein Notabseilgerät wirbt, auf dem sich ein Feuerwehrangehöriger offensichtlich aus einem Raum im Vollbrand (das wären dann 500 bis 600 ° Celsius in Fensterbankhöhe) abseilt, dessen Seil laut Gebrauchsanleitung für Temperaturen von maximal 250° Celsius und keinen direkten Flammenkontakt geeignet ist.
Mir fehlt da einfach ein wenig Realismus und das Beobachten unserer Einsatzbedingungen.
Wenn ich ein Hersteller für Feuerwehrjacken wäre, würde ich mir einen (vermutlich für meinen Umsatz sehr förderlichen) Spaß daraus machen, genüsslich damit zu werben, dass meine Jacke dafür konstruiert ist, mit allem in der FwDV 1 und 7 genannten typischen Einsatzmaterial wie Leinenbeutel; Knickkopflampe, Funkgerät und weiteren im Brandeinsatz genutzt zu werden.
Warum?
Weil ich es kann, denn wenn meine Jacke das nicht könnte, hätte ich ein massives Problem. Das deutsche Produktsicherheitsgesetz sagt zu Herstellerverpflichtungen nämlich folgendes aus:

Ein Produkt darf […] nur auf dem Markt bereitgestellt werden, wenn es bei bestimmungsgemäßer oder vorhersehbarer Verwendung die Sicherheit und Gesundheit von Personen nicht gefährdet. Bei der Beurteilung, ob ein Produkt der Anforderung nach Satz 1 entspricht, sind insbesondere zu berücksichtigen:
1. die Eigenschaften des Produkts einschließlich seiner Zusammensetzung, seine Verpackung, die Anleitungen für seinen Zusammenbau, die Installation, die Wartung und die Gebrauchsdauer,
2. die Einwirkungen des Produkts auf andere Produkte, soweit zu erwarten ist, dass es zusammen mit anderen Produkten verwendet wird, […]

Genau diese Zeilen des Produktsicherheitsgesetzes sind der Grund, warum es uns wirklich völlig egal sein kann, wenn uns irgendwer erzählen möchte, dass der Holzkeil am Helm dazu führt, dass der Hersteller keine Gewährleistung für sein Produkt mehr übernehmen muss: Es ist schlicht und einfach die vom Hersteller durch Produktbeobachtung zu ermittelnde und vorhersehbare Verwendung, das an dem einen oder anderen Feuerwehrhelm ein Keil klemmt. Also müssen Hersteller ihre Helme gefälligst so bauen, dass diese die zu erwartenden Einsatzbedingungen auch aushalten (was sie natürlich in der Praxis auch alle tun!). Und auch die Jacken, die Hosen, die Atemschutzgeräte, die Stiefel, Handschuhe und … eben alles, was wir im Einsatz verwenden.

Die Standardmythen

Da wir nun an diese Stelle vorgedrungen sind, können wir uns nochmal ein paar Klassiker der aus diesem Sektor im Detail betrachten.
Als Analysewerkzeug verwende ich dazu einfach nur gesunden Menschverstand, den ich sogar mit etwas Geschick dazu verwenden kann, um meine Argumentationen völlig wasserdicht zu machen:
Ich schreibe das Ganze (es muss natürlich auch stimmen) dafür einfach nur nachvollziehbar auf ein Blatt Papier, auf dem ganz oben als Überschrift steht: „Gefährdungsbeurteilung“.

Der Holzkeil
Wenn ich mich recht entsinne, stammt die Tipps-und Tricks-Empfehlung für den Holzkeil hinter der Visierfeder des DIN-Helmes aus der ersten Hälfte der 90er. Damit wurde er in Feuerwehrdeutschland anerkannter (wenn auch später von Dr. Pulm in seiner Anwendung sinnvoll eingeschränkter) Bestandteil der erweiterten Einsatzausrüstung. Der Keil am Helm ist also eine zu erwartende Kombination mit einem anderen Produkt.
Die umgehängte Feuerwehrleine
Die Feuerwehrleine im Beutel an der Jacke ist sogar aus zwei Gründen kein Problem: Da sie in der FwDV als „Ergänzung für den Löscheinsatz entsprechend den Erfordernissen“ genannt wird, ist sie auf jeden Fall von den Herstellern persönlicher Schutzausrüstung einzuplanen. Praktischerweise ist darüber hinaus die Umhängeleine des Beutels ebenso aus Polyester wie Feuerwehrleine im Beutel: Bei entsprechender Wärmebeaufschlagung der Schutzkleidung wird die Umhängeleine sich also spätestens bei 250° Celsius in eine Schmelze verwandeln und der Leinenbeutel wird zu Boden fallen, bevor der Inhalt sich nah an der Einsatzjacke entzündet.
Der Bergsteigerkarabiner am Feuerwehrhaltgurt
Sofern es sich um einen Kletterkarabiner nach EN 12275 mit mindestens 22 KN Bruchlast handelt, ist er definitiv für höhere statische und dynamische Lasten ausgelegt als der Feuerwehrhaltegurt, dessen Verschluss „durch scharfen Ruck“ zu prüfen ist. Wer noch mehr dazu wissen möchte, vergleiche mal die Seilprüfungen für Stürze gemäß UIAA 101; EN 892 und DIN 14920. Damit hält der Kletterkarabiner mindestens so viel aus wie der Rest der Sicherungskette und „geht in Ordnung“.
Die nicht „Ex-geschützte“ Lampe in der Jackentasche
Die Umstellung zum Digitalfunk hat dem deutschen Feuerwehrwesen viel beschert, aber immer noch keine einheitlich explosionszündquellensicheren Funkgeräte. Jegliche Debatte über den so genannten Ex-Schutz von Taschenlampen im Feuerwehreinsatz ist damit absolut hinfällig.

Das Schlusswort

Ich unterstelle niemanden in Feuerwehrkreisen böse Absicht, wenn er mal auf derartiges hineingefallen ist und / oder es weiterverbreitet hat.
Es haben aber definitiv jahrelang viele Entscheidungsträger versagt, die Bedürfnisse der Feuerwehren im Produktsektor sinnvoll zu vertreten. Der derzeitige Höhepunkt dieser Hilflosigkeit ist aus meiner Sicht das kreieren eines „Feuerwehrmehrzweckbeutels“, weil das ja einfacher ist als den PSA-Herstellern zu sagen, dass sie Ihre Probleme nicht zu unseren Problemen machen sollen.
In dieser seit Jahren währenden und teilweise immer noch zunehmenden „Zulassungsdebatte“ sollte aber nun endlich auch die Feuerwehr mal eine Position zu Gunsten der Feuerwehr einnehmen und nicht zu Gunsten von Herstellern, die versuchen, die für sie unbequemen Teile des deutschen Produktrechtes durch dreiste Aussagen zu verleugnen:

  • Unsere Ausrüstung soll uns helfen, sicher und effizient unsere Arbeit zu erledigen.
  • Die Hersteller solcher Ausrüstung haben uns im Rahmen des technisch Möglichen also für unser gutes Geld dafür geeignete Ausrüstung zu liefern.
  • Hersteller, die versuchen alle gängigen „Variationen“ in Verbindung mit der Ausrüstung zu verbieten müssen damit rechnen und sollten erfahren, dass sich die Feuerwehr-Kundschaft das nicht bieten lässt und ihre Produkte so eben nicht kauft.(Zumal wir hier des Öfteren von Geldbeträgen sprechen, die eine Ausschreibung und damit das Definieren von vergleichbaren Produktanforderungen im Vorhinein erfordern.)

Ihr habt jetzt also die Wahl:
Möchtet Ihr lieber vernünftige Ausrüstung, damit jeder wieder gesund vom Einsatz wiederkommt und wir unsere Einsatzziele so häufig wie möglich erreichen, oder möchtet Ihr von allen Herstellervertretern, die Euch besuchen, liebgehabt werden?
Ich wünsche Euch stets die ersteren beiden!
Josef Mäschle

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